Mirjam Machowskis Bachalormagazin »Reves« enthält auch ein Interview mit Raban Ruddigkeit

Von Raban Ruddigkeit 04. Januar 2016 Kommentare 0

In ihrem Bachalor hat Miriam Machowski sich der Inspiration gewidmet. Neben einem Interview mit dem Grafiker Mario Lombardo, einem Essay über Traumforschung und vielem anderen, enthält es auch ein Telefonat, das ich mit der Studentin im letzten Jahr geführt habe. Hier in vollem Wortlaut;

Reves: Durch Ihre Illustrations­buchreihe „Freistil“ und durch Ihre organisatorische Rolle bei der Illustratorensession auf der Qved nehmen Sie eine sehr för­dernde Rolle für die junge Illus­tratorengeneration in Deutschland ein. Woher kommt bei Ihnen das Bedürfnis, sich so stark für Il­lustratoren einzusetzen?

Raban Ruddigkeit: Das hängt da­mit zusammen, dass ich selber in ei­nem Künstlerhaushalt aufgewachsen bin; die Zeichnung schon immer ein wesentliches Element meiner Arbeit war. Ich habe am Anfang auch tatsäch­lich als Illustrator und Comiczeichner gearbeitet, bevor ich mich dann für Grafik Design entschieden habe. Ich glaube schon, dass die Zeichnung der Welterkenntnis dient, das heißt, wer nicht zeichnen kann, ist nie und nim­mer ein guter Gestalter. So! Das ist eine steile These, aber ich glaube, dass es tatsächlich so ist.

Was macht für Sie einen guten Illustrator aus?

Das sind eigent­lich tatsächlich immer nur die selben zwei Dinge: Das erste ist ein kon­zeptionelles Denken Können und das zweite ist eine handwerkliche Präzi­sion. Diese beiden Dinge sind es aber auch in der Musik. Das gibt es auch im Film und das ist auch in allen künst­lerischen und gestalterischen Berei­chen so. Das trifft auf die Illustration genauso zu: 50% sind konzeptionelle Arbeit und 50% handwerkliche. Wer in beiden Dingen gut ist, der ist ein top Illustrator. Es gibt Ausnahmen, bei denen Leute bessere Ideen haben, als sie zeichnen können, das werden dann meist Cartoonisten und es gibt auch Leute, die besser zeichnen können, als Ideen entwickeln, die werden dann zum Beispiel Lexikon-Illustratoren. Aber das, was ich unter klassischer Illustration verstehe, ist fifti fifti Kon­zeption und Umsetzung.

In einem Ihrer Texte haben Sie beschrieben, dass heutzutage in der Werbung den Menschen immer öfter Träume verkauft werden und das Emotionale eine große Rolle bei der Kaufentscheidung spielt. Woher kommt diese Entwicklung?

Das Emotionale hat immer schon eine Rolle gespielt, selbst Adolf Hitler hat eine emotionale Kampagne gemacht, um Leute dazu zu kriegen, sich freiwillig abschlach­ten zu lassen. Die Emotion hat immer schon eine Rolle in der Kommunikati­on gespielt. Heute ist es für mich eine emotionale Geschichte, die ich eher als Empathie beschreiben möchte. Es bedeutet, sich in Dinge hineinzufühlen und nicht nur eine Show zu machen, um eine Zigarette zu verkaufen oder ein Auto oder irgendetwas, sondern wirklich deutlich zu machen, dass sich jemand für etwas interessiert. Das kann Illustration streckenweise wirklich besser als andere Mittel und dieses Interesse bekommt man auch immer wieder zurück.

Aus welchen Quellen kön­nen Sie die meiste Inspiration für Ihre Arbeit ziehen?

Die größte Ins­piration sind und bleiben Menschen. Auch ein Problem ist für mich auch eine größere Inspiration, als eine Lö­sung, die jemand anderes schon ge­funden hat. Ich schaue nicht irgend­wie durch Designsachen durch, um auch noch so ein Design zu machen. Für mich sind andere Menschen, die Leute mit denen ich zusammen ar­beite, meine Partnerin, meine Kolle­gen, meine Kunden sind auch meine Inspiration. Das, finde ich, ist viel, viel wichtiger, als zehntausend ande­re Sachen sich anzuschauen. Es geht am Ende immer ums Denken und nicht darum, irgendetwas zu recht zu „schmosern“. Eine Software ler­nen kann jeder, aber denken, das tun wenige, weil sie streckenweise auch einfach zu faul sind, glaube ich.

Sie haben vor kurzem zu­sammen mit Lea Brousse die neue Firma Brousse & Ruddigkeit ge­gründet. Wie kam es zu diesem Schritt und welche Ziele verfolgt Ihr mit Eurer neuen Agentur?

Zu diesem Schritt kam es auch wieder durch die Beobachtung von Menschen. Vor zehn Jahren war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich mich niemals mit Digitalität auseinandersetzen kann, weil das viel zu kompliziert ist, weil das viel zu technisch ist usw.. Noch vor fünf Jahren war mir das fremd, aber seid ich meine Partnerin Lea Brousse kennengelernt habe, die gar nicht aus dem Grafik Bereich kommt, sondern aus dem Produkt­design, seitdem denke ich neu über diese Dinge nach und habe erkannt, dass, wenn man sich für Sachen in­teressiert, dann kann man das auch machen. Es liegt auch ein bisschen daran, dass viele Studenten heute im­mer noch zu mir kommen und sagen: „Ich möchte später gerne mal schöne Bücher machen, oder eine Zeitschrift und dann versuche ich immer klar zu machen, dass es dafür überhaupt keinen Markt mehr gibt, denn schon jetzt werden Zeitschriften und Bü­cher immer weniger verkauft. Wie­so werden dann immer mehr Leute ausgebildet für einen Markt, der bald nicht mehr existieren wird, jeden­falls nicht in dieser Dimension, wie er noch vor fünf oder zehn Jahren existiert hat. Und dann schaut man sich die Welt an, läuft einmal durch den Zug und zählt mal die Handys und die Laptops im Verhältnis zu den Zeitschriften und Büchern die in so einem Zug konsumiert werden heutzutage. Und dann ist man rela­tiv schnell davon überzeugt, dass, wenn man sich dem Digitalen nicht widmet, man eigentlich gar keine Chance mehr hat in Zukunft. Das kann man als erschreckend empfin­den, wir empfinden das als eine Be­reicherung, weil wir glauben, dass es ein immer noch neues Medium ist.

Auch wenn es das Inter­net schon seit 20 Jahren gibt, heißt es ja noch lange nicht, dass das Internet schon da ist, wo es sein könnte. In diesem Internetding ist noch so viel zu tun, insbesondere im Gestalterischen. Im Mo­ment gibt es lauter Webseiten von Designern zum Beispiel oder Fotografen, die alle gleich aussehen und dann wundern sie sich, warum nichts voran geht. Aber wenn man von außen sieht, dass jede Website nach dem selben Prinzip funktioniert, Onepager und nach der Footer mit der Telefonnummer, das ist alles relativ banal. Da wollen wir und ich hoffe, das gelingt uns mit unserer Website ein bisschen, auf­zeigen, was an Möglichkeiten und an neuen gestalterischen Optionen da überhaupt noch drin ist. An dieser Schnittkante von Code und Grafik zum Beispiel, da ist noch ganz viel möglich. Wir schauen lieber in die Zukunft als romantisch zurück. Das war der Grund für diese Firma und in dieser Komplexität, in der so etwas zu erarbeiten ist, ist es völlig unrea­listisch, dass einer alleine das bewäl­tigen kann. Wir haben hier nicht nur Mann und Frau kombiniert, sondern auch zwei Generationen, wir haben Grafikdesign mit Produkt­design kombiniert, wir haben auch kulturelle Barrieren kombiniert, denn meine Partnerin ist Französin und hat in Venedig studiert. Hier kommen ein paar Sachen neu zusam­men, die, wenn man jetzt nur alleine rum sitzen würde, gar nicht denkbar, machbar und vorstellbar wären. Die­ses interdisziplinäre Arbeiten, davon bin ich ganz überzeugt, dem gehört nach wie vor die Zukunft. Wir müs­sen alle immer wieder über unseren Tellerrand hinaus blicken und wir haben das hier einfach schon mal richtig installiert.

Vielen Dank.

Danke zurück! www.mirjammachowski.com