Die Zauberflöte für Kinder, illustriert von Ludvik Glazer-Naudé

Von Gast 11. Februar 2016 Kommentare 0

Die Uraufführung der Zauberflöte – historisch detailgetreu und aus Sicht eines Kindes verständlich nacherzählt. Mit den musikalischen Höhepunkten der Oper auf CD.

»Die Protagonistin, das kleine Mädchen Soferl lebt im Wien des 18. Jahrhunderts. Sie muss ihren Eltern bereits beim Broterwerb helfen und Botengänge erledigen. Auf einem solchen Gang kommt sie am Volkstheater vorbei und belauscht ein Gespräch von Mozart und seinem Hauptdarsteller. Premiere? Oper? Von was reden die beiden? Eine Gelegenheit zum Blick hinter die Kulissen des Schauspielhauses ergibt sich und zieht Soferl in den Theater-Bann. Sie hat kein Geld - aber ein Ziel: Sie möchte dieses wundersame Schauspiel selbst sehen. Und so verkauft sie 6 Wochen lang täglich Äpfel vor dem Schauspielhaus um sich Geld für eine Premieren-Eintrittskarte zu verdienen. Doch sie scheitert: Das eingenommen Geld reicht nicht aus! Mozart selbst verhilft ihr zum ersten Operngenuss, dem der Leser in einem szenischen Plot der Operngeschichte in den Worten Soferls folgen kann.

So schafft das Bilderbuch den Umbruch von detailreich illustrierter, sozialkritischer Rahmenhandlung hin zu den Szenen der Oper. Doppelseitige Szenenbilder stellen die märchenhafte Handlung von Pamino und Tamina dar. Die Gegensätzlichkeiten von Hell und Dunkel, die Wechsel von Gut und Böse, und unterschiedliche Menschenbilder werden überzeugend dargestellt. Die Schwerpunkte der Handlung und Stimmungen sind für Kinder verständlich formuliert.

Passgenau werden Verweise auf die Tracks des beiliegenden CD mit Ausschnitten aus der Oper geliefert. Die Texte sind auf einer „Bühne“ gut lesbar gesetzt und stören nicht das detailreiche Szenenbild. Die Illustrationen von Ludwig Glazer-Naudé verfügen über eine beeindruckende Tiefe. Der Illustrator bleibt seinem Theater-Plakate Stil mit Einflüssen des "magischen Surrealismus“ bei der Illustration dieses Buches treu.
Die Autorin und Musiklehrerin Ingrid Leser-Matthesius weiß, wie sie Kinder für Mozarts Musik begeistern kann. Entsprechend geglückt finde ich die Auswahl der Opernausschnitte. Sie bilden musikalisch die entschiedenen Szenen gut ab und bieten eine gute Bandbreite von dem was Musik darstellen kann. Über die Qualität der Einspielungen und Auswahl der Stücke vermag ich mich als seltener Genießer von klassischer Musik nicht qualifiziert auszulassen. Ich denke, das ist für den Genuss des Bilderbuches auch nicht entscheidend.
 
Die Ausschnitte aus den Arien von Vogelfänger, Königin der Nacht, die zarte Melodie der Zauberflöte und des Glockenspiels führen alle entscheidenden Personen gut ein. Von dem zornigen Sopran der Königin der Nacht über den traurigen Sopran der Pamina bis zum tiefen Bass Sarastros sind verschiedene Stimmlagen und Stimmungen vertreten. Arie, Duett und Chorgesang werden in 13 Ausschnitten eingeführt. Gut 35 Minuten Laufzeit können natürlich keinen 3-stündigen Operngenuss ersetzen. Aber die beigefügte CD führt in die musikalischen Motive der Oper ein. Dafür braucht es natürlich keinen „kleinen Apfel“. Musikalisch schafft Soferls Apfel-Lied aber mühelos den Rückverweis von der CD auf das Bilderbuch.
 
Bilderbuch und CD ergänzen sich perfekt und sind gut auf die Zielgruppe der ab 4-jährigen abgestimmt und machen neugierig auf mehr Oper.
Hannah (5) versinkt gerne in den Darstellungen des Bilderbuches. Und so pickt sie sich Details aus jeder Szene heraus, die sie toll findet: Papagenos Kostüm, flatternde Paradisvögel, wilde Tiere, das glitzernde Kleid der Königin der Nacht oder auch die märchenhafte Hochzeitsszene. Alles Dunkel stört die sonst eher ängstliche Hannah nicht im geringsten, auch wenn sie sich gebannt vor Spannung beim Vorlesen an mich drückt. Sie findet Emphatie für das arme Soferl, dass arbeiten muss statt zur Schule zu gehen. Sie teilt ihre Begeisterung für die Szenen der Oper und sie singt aus Leibeskräften das Apfel-Lied mit, um Soferl für die Aufnahme in Mozarts Kinderchor zu qualifizieren. Ich denke, dieses Opern-Buch hat sie gefesselt! Für die Musik der CD kann sie sich noch nicht nachhaltig begeistern. Sie kann Stimmungen aus der Musik erahnen, vermag sich aber nicht so auf die Texte zu konzentrieren, dass sie inhaltlich ein Verständnis für das Gesungene aufbringen kann. Aber dafür haben wir ja auch die Erläuterungen durch das Bilderbuch.

Ich selbst (37) freue mich über die detailreich illustrierte Rahmenhandlung und die geschickte und gut geglückte Einbindung und inhaltliche Erläuterung der Opernszenen ins Gesamtwerk. Hier untermauert und ergänzt die Musik den vom Buch vermittelten Eindruck. Wir haben ein tolles und phantasievolles Bilderbuch genossen, das sich gut lesen lässt und eine CD, die für eine umfassende sinnliche Erfahrung dazu genommen werden kann. Hierbei reichen die musikalischen Ausschnitte und Bilder für die Erläuterung der Oper aus - wir vermissen keine zusätzlichen Erläuterungen zu Motiven, Form, Tempo, Tonarten oder Instrumenten, die andere Opern-Bilderbücher noch zusätzlich an den Leser bringen zu wollen (und dabei scheitern). Dieses "weniger" gibt uns schließlich doch "mehr" zauberhaft kindgerechten Opernspaß.«

www.glazer-naude.com